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Aufbrüche – Frauen und Reformation

Ausstellung im Pfarramt, Ritterstraße 11 in 14513 Teltow


Aus dem Rahmen gefallen Elisabeth (1485 - 1555)

(Collage, 2017, Papier, - erster Träger: Kraftpapier Format 26 x30 cm, handmarmoriert, kombiniert mit gedruckten Zeichnungen, teilweise digital und per Hand bearbeitet)

Elisabeth, Kurfürstin v. Brandenburg
Prinzessin von Dänemark, Norwegen und Schweden
Die dänische Königstochter Elisabeth kam 1502 durch ihre Hochzeit mit Joachim I., dem Kurfürsten von Brandenburg, nach Cölln an der Spree. Die Ehe war anfänglich harmonisch und sie brachte von 1505 bis 1513 fünf Kinder zur Welt. Um 1520 wandte sich Elisabeth der Lehre Luthers zu und empfing 1527 das evangelische Abendmahl. Joachim I., der alles daran setzte, den Einfluss der Reformation in seinem Kurfürstentum zu unterbinden, war über seine Frau sehr erbost und drohte ihr mit lebensslangem Arrest. 1528 floh sie zuerst nach Wittenberg und hielt sich dann bis 1545 an verschiedenen Orten bei ihren Verwandten in Kursachsen auf. Erst zehn Jahre nach dem Tode von Joachim I. gab sie ihr Exil auf und bezog ihren Witwensitz in Spandau.

Elisabeth beschäftigte sich intensiv mit der Bibel. Sie äußerte sich aus ihrem Exil heraus mündlich und schriftlich, immer mit dem Ziel, andere von der Richtigkeit der Reformation zu überzeugen. Sie hielt auch von der Ferne Kontakt zu ihren Kinder, vor allem zu ihrer Tochter Elisabeth, verheiratete Herzogin zu Braunschweig-Lüneburg, die später in das historische Gedächtnis der Deutschen als „Reformationsfürstin“ einging. Die brandenburgische Kurfürstin war eine evangelische Christin aus Überzeugung und wurde so zum Vorbild für viele.
Ihre Schritte in den 1520er Jahren waren durchdacht und geplant: Ihre Söhne waren männlichen Erziehern übergeben worden und ihre Töchter waren verheiratet. Ihr Ehemann, der Kurfürst, führte offen ein Leben außerhalb der Ehe und isolierte sie so immer weiter. Sie suchte und fand einen neuen Wirkungskreis.

Elisabeth maß dabei ehelichem Gehorsam deutlich weniger Bedeutung bei als der Glaubens- und Gewissensfeiheit. Und dafür war sie bereit, Konsequenzen in ihrem persönlichen Leben zu tragen. Elisabeth fiel damit aus dem Rahmen, den die Gesellschaft ihrer Zeit für Frauen ihres Standes vorgesehen hatte.
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Josepha von Siebold

(Collage, 2017 Papier, - erster Träger: Kraftpapier Format 26 x30 cm, handmarmoriert, kombiniert mit gedruckten Zeichnungen, teilweise digital und per Hand grafisch bearbeitet)

Erste deutsche Frauenärztin Josepha von Siebold (1771-1849)

Als Josepha im April 1795 ihren Arzt Damian von Siebold heiratete, lag schon ein wechselreiches Leben hinter der Witwe und vierfachen Mutter. Durch diese Ehe kam sie in die Mediziner-Familie der von Siebolds, die nicht nur in Würzburg sehr angesehen waren. Weil Damian offen die Ideen der französischen Revolution vertrat, entzog ihm sein Vater jedwede Art von Hilfe. So war die finanzielle Situation der Familie sehr schwierig. Um dies zu verbessern, verkaufte Josepha ihre geerbten Besitztümer und arbeitete fortan verstärkt an der Seite ihres Mannes in seiner Praxis.

1805 begann Josepha, allen Vorurteilen und Schwierigkeiten zum Trotz, in der Gebärklinik ihres Schwagers die Geburtshilfe zu erlernen. Getrennt von den männlichen Studenten und nur hinter einem Wandschirm durfte sie die Vorführungen verfolgen. Trotzdem konnten ihr nach zwei Jahren von dem Großherzoglichen Medizinal-Kollegium ausgezeichnete theoretische und praktische Kenntnisse der Geburtshilfe bescheinigt werden und sie erhielt die Approbation als Hebamme. Keine Tageszeit und kein Wetter hielten Josepha davon ab, zu den gebärenden Frauen jeden Standes zu eilen. 1815 verlieh ihr die Medizinische Fakultät ehrenhalber die Doktorwürde in der Geburtshilfe. Die Schweiz ließ Frauen ab 1865 zum Studium zu und wurde deshalb zu ihrem Hauptemigrationsland vor allem für Fächer wie Medizin, Jura und Philosophie. Als das liberale Baden im Februar 1900 weibliche Studierende mit allen Rechten zum Universitätsstudium zuließ, zogen die meisten deutschen Länder nach. Preußen bildete 1908 das Schlusslicht.

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Martha Marie Charlé

(Collage, 2017 Papier, Photographie - erster Träger: Kraftpapier Format 26 x30 cm, handmarmoriert, kombiniert mit gedruckten Zeichnungen und Fotos, teilweise digital und per Hand bearbeitet)

Tiefe Wurzeln in die Vergangenheit

Martha Marie (1902-1994)
geborene Charlé, verheiratete Zernikow

Als Kind einer bäuerlichen Familie im Oderbruch hatte Martha nur die Dorfschule besucht. Trotzdem gehörte das Lesen zu den ganz wenigen Leidenschaften, die sie sich ihr Leben lang herausnahm. Durch nichts ließ sie es sich austreiben, auch wenn die Hand ihrer Mutter in ihrem Gesicht unterstrich, dass das in deren Augen für Mädchen vergeudete Zeit wäre. Genauso mutig und hartnäckig erzwang Martha von Eltern und Ehemann, dass ihre Tochter Stenokontoristin in einem Werk erlernen und so mit selbst verdientem Geld ein Leben außerhalb des familiären Bauernhofes führen konnte.
Die Selbstverständlichkeit des Lernens war vor 500 Jahren ein Privileg, adligen und wohlhabenden Familien vorbehalten. Ihre Kinder erhielten Privatunterricht. Ob Mädchen daran teilnehmen durften, entschieden die Eltern, meist die Väter. Zur Zeit der Reformation konnten nur etwa zehn Prozent lesen, noch weniger waren des Schreibens kundig. Darum forderten die Reformatoren Bildung für alle, auch Schulen für Mädchen. Sie sollten nicht nur praktische Dinge im Haushalt erlernen. Auch sie sollten die Bibel verstehen. Dazu mussten sie sie natürlich auch lesen können. Nur wer mit dieser Fähigkeit ausgestattet war, konnte die Fragen der Zeit erkennen und für sein eigenes Leben anwenden. Luther war der Auffassung, dass täglich eine Schulstunde für Mädchen ausreichend wäre, was in unserer Zeit kaum noch vorstellbar ist. Doch sicherte dies Frauen und Mädchen ein Basiswissen und war der Grundstein für die allseitige Bildungsfreiheit in Deutschland

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„Singen hat nichts mit der Welt zu tun...“

Collage, Papier, Format 29 x 62 cm, 2017
In der Collage wurden verarbeitet:
Himmelsbild: handmarmoriert, Original / Engel: Foto, am PC bearbeitet, Original in Waltersdorf / Abbildung Lied, Wikipedia, am PC bearbeitet / Gruppenbild, Ausschnitt aus Gemälde „Luther singt vor Frau Cotta“ von F.Pauwels (1872/80), Foto von Postkarte, am PC bearbeitet.

Von allen Künsten stand Luther die Musik besonders nahe. Denn sie ist „eine Gabe und ein Geschenk Gottes, nicht ein Menschengeschenk.“ Sie vertreibt „den Teufel und macht die Leute fröhlich; man vergisst dabei allen Zorn, alle Unkeuschheit, Hoffart und andere Laster“. Insbesondere die Sangeskunst war ihm ein Herzensbedürfnis: „Singen hat nichts mit der Welt zu tun ... Wer singt, der sorgt nicht viel. Er schlägt alle Sorgen aus und ist guter Dinge.“ So wichtig, wie Luther die Musik und das Singen waren, so nahe konnten ihm auch Menschen kommen, denen die Musik ähnlich viel bedeutete wie ihm. Elisabeth Cruziger (1500-1535), die Ehefrau seines engen Mitstreiters Caspar Cruziger, war so eine verwandte musikalische Seele. Sie war nicht nur klug und einfühlsam, sondern sie verfasste eigene Lieder. Elisabeth Cruziger, geborene von Meseritz und eine ehemalige Nonne wie Luthers Käthe, gilt als erste evangelische Kirchenlieddichterin. Sie wagte sich auf dieses bis dahin den Männern vorbehaltene Gebiet und erhielt sogar Anerkennung. Bis heute wird ihr Lied „Herr Christ, der einig Gotts Sohn“ als Wochenlied zum letzten Sonntag nach Epiphanias gesungen. Dass ihr Lied bis heute populär blieb, ist vor allem ein Verdienst Martin Luthers. Er nahm es 1524 in sein „Geistliches Gesangbüchlein“ aufnahm.

Obgleich Luther die Verfasserin hoch schätzte - sie nahm als eine der wenigen Frauen Wittenbergs an seinen Tischgesellschaften teil - erschien ihr Lied zunächst anonym. Auch für ihn und seine Weggefährten war es zu ungewohnt, eine Frau als Schöpferin eines Kirchenliedes in das Blickfeld der Öffentlichkeit zu rücken. Erst 1531 erschien das Lied mit ihrem Namen.

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